Handwerk will Fl├╝chtlingen helfen: Politik ist gefordert

Delegiertentagung der Kreishandwerkerschaften Mittelrhein und Rhein-Lahn-Kreis 

Das Handwerk boomt, muss aber um Lehrlinge buhlen. Flüchtlinge könnten das Nachwuchsproblem lindern, sind sich die Meister einig. Nur: Wie kommt man schnell an die passenden Leute, wie bringt man sie zur Ausbildungsreife, wie bekommt der Auftraggeber rasch die Sicherheit, dass eine positive Bleibeperspektive vorliegt? Auf der Delegiertentagung der Kreishandwerkerschaften Mittelrhein und Rhein-Lahn-Kreis im Bopparder Hotel- und Golfresort Jakobsberg suchten rund 80 Meister mit Experten aus Wirtschaft und Politik nach Antworten.

Das Handwerk muss attraktiver werden für junge Leute, dazu müsste es in den Schulen präsenter sein. Es braucht die Mittelrheinbrücke, um einen Aktionsradius von 360 Grad zu bekommen. Und es ist sehr interessiert an den Flüchtlingen, könnte sie ideal im familiären Betrieb integrieren, braucht dazu aber Sicherheit bezüglich der Bleibeperspektive, Rahmenbedingungen wie Sprachkurse an Berufsschulen und schnelle Lösungen, um an die entsprechenden Leute zu kommen. Dies sind zusammengefasst die dringendsten Anliegen, die seitens der Betriebsinhaber auf den Tisch kamen. Hier muss die Politik dem Handwerk unter die Arme greifen, so die Meister. 

Um Lösungen zu finden, stand erstmalig eine Podiumsdiskussion auf dem Programm der Delegiertentagung. Unter dem Motto „Handwerk am Mittelrhein – kann mehr ... mit einer guten Wirtschafts- und Struktur-Politik“ warteten die Delegierten der beiden Kreishandwerkerschaften, die sämtliche Innungen von Rhein-Lahn-Kreis und Mittelrhein unter ihrem Dach vereinen, auf Vorschläge seitens der geladenen Gäste. Die Ist-Situation des Handwerks formulierten zunächst sehr treffend die beiden Kreishandwerksmeister Detlef Börner und Johannes Lauer. Das Handwerk biete beste Zukunftsaussichten. Aber: Die Werkstätten sind leer, die Hörsäle dagegen voll. Abstrus angesichts des „beeindruckenden Auftragspotenzials der Zukunft“. Es gelte allerorts Wohnungen und Häuser altersgerecht umzubauen, Smart Home zu installieren, die Kunden würden immer anspruchsvoller, die Ausbildung wird technischer  – „und uns fehlen die Leute dafür, eine volkswirtschaftliche Katastrophe.“

Wie kann das Handwerk attraktiver werden für die Jugend, lautete dementsprechend die erste Frage von Moderator Oliver Kring, Deutschland Fernsehen, an den Landtagsabgeordneten Nils Wiechmann (Parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion Bündnis 90/ DIE GRÜNEN), Staatssekretär David Langner (Sozialministerium RLP), den Landtagsabgeordneten Matthias Lammert (Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Rhein-Lahn), Monika Becker (FDP Rheinland-Pfalz, Mitglied des Kreistages im Rhein-Lahn-Kreis) und Ulrike Mohrs (Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen). Deren Ideen waren u.a.: die Berufsschulen, die von allen Schulen den größten Unterrichtsausfall zu beklagen haben, mit mehr Sachmitteln und Personal ausstatten, mehr Praktika an den Schulen sowie Botschafter des Handwerks installieren, mehr Öffentlichkeitsarbeit, Schulbeauftragte für Berufsorientierung sollen Handwerk stärker in den Mittelpunkt rücken, Kostenfreiheit in puncto Meisterprüfung.

Zweites großes Thema waren die Flüchtlinge. Hier machte Ulrike Mohrs auf das soeben eröffnete landesweit erste Lotsenhaus aufmerksam. Denn Koblenz hat Nägel mit Köpfen gemacht: Die gemeinsame Initiative von Arbeitsagentur, Jobcentern, Land, Stadt- und Kreisverwaltung, Caritasverband sowie Wirtschaftskammern bietet Flüchtlingen mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit eine Anlaufstelle für die Integration in den Arbeitsmarkt. Trotz dieses Lichtblicks fehle es an zahlreichen weiteren Rahmenpunkten, so die Meister: Viele Flüchtlinge müssen erst zur Ausbildungsreife gebracht werden, es werden Berufsschullehrer für Flüchtlinge gebraucht. Mehrfach wurde ein neues Einwanderungsgesetz gefordert.

Drittes Diskussionsthema war die seitens des Handwerks dringend erwünschte Mittelrheinbrücke, die den bis dato halben Aktionsradius der dort angesiedelten Handwerker auf 360 Grad erweitern soll.  „Den großen Wurf“ unter den Lösungsvorschlägen seitens der Politik, so Moderator Oliver Kring, habe er vermisst. Nichtsdestoweniger aber dürften die Teilnehmer der Tagung mit vielen neuen Denkanstößen wieder nach Hause gefahren sein.