Delegiertentagung Kreishandwerkerschaft Rhein-Lahn

Ein bisschen Necken muss schon sein. Gisela Bertram, Erste Beigeordnete des Rhein-Lahn-Kreises, führe die Amtsgeschäfte so gut, dass ihr Fehlen eigentlich gar nicht auffalle, sagte Kreishandwerksmeister Johannes Lauer mit Blick auf Ex-Landrat Günter Kern: „Und außerdem ist sie aus meiner Sicht auch wesentlich charmanter. Aber dennoch ernennen wir dich heute bei der Delegiertenversammlung zum ersten Ehrenmitglied der Kreishandwerkerschaft Rhein-Lahn.“ Die Begründung: „Während deiner Amtszeit hat die Zusammenarbeit zwischen Handwerkerschaft und Kreisverwaltung über die Parteigrenzen hinweg immer hervorragend geklappt.“

Das frischgebackene Ehrenmitglied zeigte sich gerührt, stellte aber klar: „Ich habe den Wechsel ins Innenministerium nicht bereut. Im Gegenteil, meine Arbeit als Staatssekretär macht mir sogar Spaß.“ Allerdings: Die Kommunalpolitik habe er als deutlich zielgerichteter empfunden. „In der Landespolitik steht häufig parteipolitisches Kalkül im Vordergrund“, sagte Kern – und schlug den Bogen zu seinem Vortrag über Wirtschaftsförderung durch Infrastrukturmaßnahmen.

Der wartete bei der Versammlung in Nastätten mit imposanten Zahlen auf: Rund eine halbe Milliarde Euro investiere das Land 2014 in den Straßenbau. Davon seien mindestens 375 Millionen für Bundes-, 78,5 Millionen Euro für Landes- und 55 Millionen für Kreis- und Kommunalstraßen vorgesehen. Was das für den Rhein-Lahn-Kreis bedeutet? Hier fließen rund 12,5 Millionen Euro in das Bundesfernstraßennetz. Ein laufendes Projekt ist beispielsweise die Streckensanierung der B 274 zwischen Bogel und St. Goarshausen, weitere Maßnahmen wie der Ausbau der B 274 zwischen dem Kreisel Zollhaus und der K 54 Allendorf sollen noch in diesem Jahr an den Start gehen. In die Landesstraßen im Kreis seien in den vergangenen Jahren mehr als 6 Millionen Euro investiert worden, sagte Kern weiter. Aber: „Nicht zuletzt wegen der Schuldenbremse wird der Umfang der Straßenbaumittel nicht weiter steigen, und bei gleichzeitig steigendem Baupreisindex müssen sie möglichst wirtschaftlich eingesetzt werden. Das kann dazu führen, dass selbst schlechte Straßen wie die L 334 zwischen Wellmich und Dahlheim nicht so schnell saniert werden können, wie wir uns das alle wünschen.“

Die per Koalitionsvertrag bis 2016 auf Eis gelegte Mittelrheinbrücke, der letzte Bauabschnitt des Radwegs zwischen Kestert und Kamp-Bornhofen, der im Spätsommer fertig sein soll, die Reaktivierung der Aartalbahn zwischen Diez und Zollhaus als derzeit größtes Projekt in Sachen öffentlicher Personennahverkehr und, und, und: Es ist nicht möglich, alle verkehrspolitisch relevanten Dinge aufzuzählen, auf die Kern einging. Selber Ort, anderes Thema: Mehr wirtschafts- als verkehrspolitisch fiel die Rede von Kreishandwerksmeister Johannes Lauer aus, der die Novellierung der Handwerksordnung durch die rot-grüne Bundesregierung 2004 und die von der Europäischen Kommission geplante Abschaffung der Meisterpflicht in die Kritik nahm. „Die Forderung der EU-Kommission nach einer nachhaltigen Zurückführung der Reglementierung von verschiedenen Berufen zur selbstständigen Berufsausübung werden dem kümmerlichen Überbleibsel der einst erfolgreichen deutschen Handwerksordnung den Rest geben“, sagte Lauer, der zudem die seit Oktober 2013 angefallenen Aktivitäten der Kreishandwerkerschaft Revue passieren ließ.

Der Obermeister- und Lehrlingswartetag im November zählte zum Beispiel dazu: Auf ihm wurde der Beschluss für eine Ausbildungsbroschüre gefasst, die ab kommendem Schuljahr für Nachwuchs werben soll. Tage der offenen Tür an den berufsbildenden Schulen in Lahnstein und Diez, pfiffige PR-Aktionen der Fleischer- sowie der Maler- und Lackiererinnung, Workshops für die an den Schulen eingesetzten Botschafter des Handwerks – auch dieser in rasantem Sprechtempo gehaltene Vortrag barg eine Hülle und Fülle von Informationen. Wobei es vom Kreishandwerksmeister neben der Rüge für die EU-Kommission auch Lob gab: für die Volksbank Rhein-Lahn zum Beispiel, die weiterhin ihren Förderpreis für die Prüfungsbesten der Innungen bereitstellt. Und für die Handwerkskammer Koblenz, mit der sich die Zusammenarbeit seit dem letzten Wechsel an der Spitze der Geschäftsführung stark verbessert habe. „Die Kammer ist heute näher bei den Innungen, als ich es je bisher erleben durfte“, betonte Lauer.

Dort steht allerdings noch in diesem Jahr erneut ein Wechsel an: Am 18. November wird die aus insgesamt 48 Mitgliedern bestehende Vollversammlung einen neuen Vorstand wählen. Für diese Vollversammlung wiederum wurden bei der Delegiertenversammlung die Vertreter der Kreishandwerkerschaft gewählt – eine Neuerung, denn bisher bestimmten die Spitzen der sechs Kreishandswerksmeisterschaften, die in den Zuständigkeits-bereich der Handwerkskammer Koblenz fallen, diese Vertreter. „Neu ist auch, dass sich Personen, die zwar in die Handwerksrolle eingetragen, aber nicht Mitglied einer Innung sind, ebenfalls zur Wahl stellen können“, erklärte Alexander Baden, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz. Um die Finanzen ging es auch im Jahresbericht von Alexander Zeitler, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Rhein-Lahn: Ausgaben von knapp 103 000 Euro stehen im Jahr 2013 Einnahmen in Höhe von mehr als 137 000 Euro gegenüber, der erwirtschaftete Überschuss ist also beachtlich. Der Haushaltsplan 2014 ist mit dem des Vorjahres praktisch identisch, eine Erhöhung der Beiträge nicht vorgesehen.